Uta Ruscher

Leseprobe

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EINLEITUNG

Da liegt dieser Brief. Seit Tagen ungeöffnet, immer an dem gleichen Platz. Verbrennen wollte sie ihn, zerreißen, wenigstens verstecken – es ging nicht. Zu frisch die Erinnerung, zu still die Umgebung. Venedig, das Findelhaus, die Maestra – alles zu laut und nah.

Sie muss früher und etwas langsamer beginnen, sich nach und nach an das Hören erinnern. Eine ruhige Nacht. Jahrzehnte zuvor. November. Vermutlich wenige Geräusche, gedämpft vom Wasser oder vom Nebel. Vielleicht ein Rascheln, ein Schleifen oder Knuspern. Das Klatschen der Wellen, der Flügelschlag eines Käuzchens.
Plötzlich ein Ton. Spitz und dünn. Kein Schrei. Kein Jammern oder Klagen. Ein leises Fordern, wie bei einem sterbenden Tier.
Nein, ein verwundetes Tier hätte lauter geschrien. Es war weit nach Mitternacht, unmöglich, dass um diese Zeit ein Schaf oder eine Ziege getötet wurde. Ihr Schrei, ihre Stimme von damals, eher ein Geräusch. Nicht laut, aber hell, sehr durchdringend, darunter ein nervöses Flattern.
Irgendjemand muss sie damals gehört haben. Vielleicht ein Pater auf dem Weg nach Hause, müde, gebrechlich, krank. Er hebt seine Laterne, horcht in die Dunkelheit – nichts. Ihr Flehen verstummt oder verschluckt vom Nebel. Dem Pater ist es recht. Er hat seine Pflicht getan. Er hat gebetet, gesalbt, gesegnet. Jetzt will er nur noch eines: in seiner Stube am Feuer sitzen.
Doch sie lässt nicht nach. Schreien ist das Einzige, was sie kann. Ein hoher, leicht flatternder Ton, ab und zu sich überschlagend, diesmal etwas stärker, beinahe aggressiv – so viel Kraft hat sie noch.
Mit einem Ruck bleibt der Pater stehen, lauscht in die Dunkelheit. Ihre Stimme reibt sich am Gestein, springt zwischen den Mauern hin und her, wird dünner und zögerlicher, verliert sich in den Gassen.
Der Pater glaubt sich zu irren, schüttelt den Kopf. Venedig ist voller seltsamer Klänge. Tiere, Gauner, Liebespaare. Unbeirrt geht der Alte voran. Er sehnt sich nach einem Glas Wein, nach einem weichen Stück Brot. Venedigs Findelhaus, das Ospedale della Pietà, liegt bereits hinter ihm, da ertönt noch einmal ihr hohes, flatterndes Wimmern, diesmal leiser, weder Geräusch, noch Ton, ein unterdrücktes Greinen, ein letzter, schwacher Versuch, sich in dieser feuchtkalten Nacht des Jahres 1747 Gehör zu verschaffen.
Endlich begreift der Pater. So schnell er kann, eilt er zurück. Er ächzt und stöhnt, läuft an der feuchten Mauer des Ospedale entlang und sucht daran Halt. Vor der Scaffetta, einer in die Mauer gehauenen Mulde, bleibt er stehen. Die Mulde ist mit Stroh ausgepolstert, darüber ein Lumpen, ihr einziger Schutz. Der Pater bekreuzigt sich, zieht an dem Strick. Über ihm das Scheppern der Glocke. Danach Stille, als hätte dieses Scheppern alles übertönt und unter sich begraben. Auch unter dem Lumpen ist es verdächtig ruhig. Vorsichtig beugt sich der Alte darüber, schreckt angewidert zurück. Scharfer, beißender Geruch. Aber es hilft nichts, jetzt gilt es, schnell zu handeln. Er stellt die Laterne auf den Boden, nimmt das Bündel, wickelt seinen Talar um ihren ausgekühlten Körper. Wie eine Säule steht er in der Dunkelheit, mit hoch gehobenem Rock und löchrigen Beinkleidern. Noch einmal greift er nach dem Strick, zieht und zieht. Ein schmaler Spalt führt in das Innere des Findelhauses, drinnen wird ein Türchen zur Seite geschoben.
„Wer da?“
„Don Enrico. Ein neues Findel. Beeilt Euch!“
Leises Fluchen. Die Stimme der Schwester rau vom Schlaf oder von der Kälte. Etwa zehn Schritte sind es bis zur Eingangstür des Ospedale della Pietà. Der Pater tritt von einem Bein auf das andere, er wiegt sie hin und her. Kein Wimmern oder Greinen, kein Seufzen, nicht mal der Ansatz eines Geräusches.
Von drinnen endlich Schritte. Ein Riegel wird zur Seite geschoben, quietschend öffnet sich die Tür. Die Schwester sieht erschöpft aus. Schatten unter den Augen. Strähnige Haare, halb verborgen unter einem weißen Tuch.
„Tut mir leid, Don Enrico! Ich höre die Glocke immer, egal wie müde ich bin“.
Von der wärmenden Umhüllung des Talars gleitet sie in die kräftigen Arme der Schwester. Die schiebt den Lumpen zur Seite und horcht an ihrer Brust. Der Pater hebt seinen Arm, segnet sie beide, Frau und Kind. Dann empfiehlt er sich und setzt seinen Heimweg fort. Hinter ihm das Schnappen des Riegels. Zweimal schließen. In der Gasse kehrt wieder Ruhe ein.
An das Elend der Findel ist die Schwester gewöhnt. Jeden Tag zwei, drei Säuglinge, vor allem Mädchen, die meisten in Lumpen, einige nackt, andere in Samt und Seide. Gesunde, kranke, missgebildete findet sie. Manche schon Wochen oder Monate alt, notfalls mit Gewalt in die Scaffetta gepresst.
Sie sind jetzt in der Krankenstation. Ein großer, warmer Raum. An den Wänden Regale, überall Flaschen und Schalen. In einem Kessel über dem Feuer heißes Wasser. Die Schwester schöpft es in eine Schüssel, gießt kaltes Wasser hinzu und befreit sie von dem Lumpen. Sie liegt auf dem Tisch, nackt, Arme und Beine faltig und dünn, die Flaumhaare verlaust, von oben bis unten mit einer dunklen, klebrigen Schicht überzogen.
Fiorenza wird die Schwester sie nennen. Wegen des Gestanks. Fiorenza klingt nach herb duftenden Blüten, nach anspruchslosen, rankenden Gewächsen, festgekrallt am Mauerwerk. Sie braucht diesen Namen, halb tot und verwahrlost wie sie ist.
Warmes Wasser, Lappen, Seife. Wenige, geübte Handgriffe. In ihren Falten an Hals und Schenkeln wischt die Schwester zweimal nach. Brust, Bauch, Arme und Beine werden massiert, bis sie sich regt. Ihr Gesicht läuft rot an, ihre Fäuste stoßen in die Luft. Sie hat Hunger, großen Hunger. Doch ehe sie zu einer Amme gebracht wird, muss sie gründlich untersucht werden.
Der Medikus ist schon bereit. Schlaftrunken steht er neben dem Feuer, das Scheppern der Glocke hat auch ihn geweckt. Er tritt an den Tisch, betastet und untersucht sie, schüttelt den Kopf. Die rötlichen Flecke, der grau-weiße Zungenbelag, das Fieber. Er gibt ihr wenige Tage, aber das erspart ihr nicht die übliche Prozedur.
Schon greift der Medikus nach seiner ledernen Schürze, legt mit der Zange ein Stück Eisen in die Glut. Die Schwester reicht ihm einen Becher Wein. Gemeinsam warten sie und trinken, schauen in die Flammen, bis das Eisen endlich zu glühen beginnt.
Leises Zischen, der Geruch nach verbranntem Fleisch. Ein halbtoter Säugling, gebrannt wie ein Stück Vieh. Sie schreit so laut sie kann – und koste es ihr letztes bisschen Leben. Auf ihrer Ferse ein blassrotes P, umsäumt von einem schwärzlichen Rand.
P für Pietà. Eine äußerst notwendige Maßnahme. Tausende von Findeln müssen versorgt werden. Das Ospedale della Pietà zahlt zwölf Lire monatlich pro Kind. Viele Pflegeeltern legten die Säuglinge zurück in die Scaffetta, gaben eines ihrer eigenen Kinder als das fremde aus. So waren sie die Findel los und kassierten trotzdem das Geld. Ohne das Brandmal wäre es immer so weiter gegangen.
Hungrig, müde, sterbenskrank. Wie lange vermag ein gebrannter Säugling zu schreien? Wenige Minuten? Eine Viertelstunde? Niemand glaubt, dass sie die nächsten Tage überlebt. Sie ist zu schwach und zu dünn. Der Medikus winkt machtlos ab.
Noch in der gleichen Nacht wird ihre Nottaufe vollzogen – so steht es im Buch der Schwestern. Im Ospedale ist man das Sterben gewöhnt. Zwei von drei Findeln überleben. Sie ist eines davon. Vielleicht liegt es an ihrer Amme. Vielleicht am Gesang. In der Kirche, in den Gängen, in den Proberäumen – kein Tag ohne Musik.
Entgegen aller Erwartungen überlebt sie. Nach zwei Monaten wird sie zu einer Bauernfamilie auf das Festland gebracht. Für die nächsten neun Jahre wird sie dort bleiben. Der jüngste Sohn ihrer Pflegefamilie starb unmittelbar nach der Geburt. Am liebsten hätte ihn die Bäuerin mit einem Findeljungen ersetzt. Ihr Wunsch konnte nicht berücksichtigt werden.